÷kosystem Soers

Menschen in modernen Gesellschaftssystemen können sich mittlerweile nicht mehr dem Verwobensein in Umweltprobleme entziehen. Auch die Betreiber dieser Web-Site wissen: "Wer im Glashaus sitzt, darf nicht mit Steinen werfen!" Umso mehr sind jeder Bürger und jede Bürgerin angehalten, sich für ökologische Optimierung des Geschehens in ihrer Heimat einzusetzen, weil wir alle ein Teil des Ökosystems um uns herum sind. "Man sägt den Ast nicht ab, auf dem man selber sitzt" - schon allein unter diesem egoistischen Prinzip, aber auch der gesamten Mitwelt zu Liebe wird hier eine Beobachterposition eingenommen, welche unsere Mitverantwortung für eine integrale Sicht des Soerser Ökosystems zum sichtbaren Ausdruck bringen soll. Niemand soll angeklagt werden oder sich angeklagt fühlen, denn sonst müßten wir alle auf die Anklagebank eines Prozesses, den aber die schwächeren Mitglieder des Systems, die Tiere und die Pflanzen nicht führen können. 

Gestörtes Gleichgewicht

In der Biozönose des Soerser Tales stehen Luft (oft Kaltluft), fast sumpfiger Boden ( mit spontaner Miniteich-Bildung bei Starkregen wegen des lehmartigen Untergrundes ) und typischer Bewuchs (Grün-Land-Feuchtwiesen, Ackerland; Kopfweiden, Pappeln, Erlen) mit dem Leben und Wirken von Tieren (Amphibien, Vögel, Hasen, Käfer, Bienen; Kühe, Pferde, Schafe) und Menschen im biologischen Gleichgewicht. In dieses Miteinander fügen sich die natürlichen Fließgewässer (Wurm, Wildbach, Schwarzbach, Hochkirchenbach, Diepenkuhlbach, Bach am Soerser Haus und etwa sechs Rinsale aus dem Lousberg sprießend) harmonisch ein. Selbst die noch existierenden künstlichen Teich ehemaliger Fabriken sind in das Ökosystem von der Natur integriert worden, was auch auf die ursprünglich künstlichen Mühlengräben zum Bespannen der Teiche zutrifft. Der größere ELSA-Teich ist verlandet und zu einem Auenwald herangewachsen; es ist unklar, ob ökologisch dieser Bewuchs für das Ökosystem sinnvoller ist oder ob man wie finanziell eigentlich abgesichert dieses Industriedenkmal eines Wasserstaubeckens für Färbereizwecke rekultivieren soll.  Das noch junge Regenrückhaltebecken an Schloß Rahe ist zu einem hochintensiven Biotop geworden. Der Alte Bahndamm, so deplatziert er auch wirken mag, ist von der Natur angenommen und in die Umgebung durch starken Bewuchs integriert worden. Frühere Bestandteile des Ökosystems süd-östlich des Soerser Weges sind durch Totalindustrialisierung abgeschnitten worden, sodaß die Restbestände der Soers eher ein Torso darstellen, das aber noch intensiv lebt. Diese Restbestände des Ökosystems werden durch Verkehrswege mit Lärm, Feinstaubbelastung und Abgasen, durch diverse Hochbauten wie z.B. Tribünen auf dem Reitturnierplatz, Tivoli-Neubau, Gefängnisbau, Polizeipräsidium, ELSA-Hochregal und durch Wohnbebauung, aber auch durch die Studentenwohntürme in der Rütscherstraße sowie durch die gesetzlich geregelte Düngung des Bodens mit Gülle beeinträchtigt.  Das Klima-Gutachten der Stadt Aachen von 2001 warnt intensiv vor diesen Gefahren und empfiehlt dringend, von weiterer Flächenverdichtung und weiterem Flächenverbrauch zu gunsten der Luftqualität in ganz Aachen Abstand zu nehmen, damit Luftaustausch wenig behindert von statten gehen kann. Was die Saprobien in den Gewässern und deren Fischbestand betrifft, so hindern existierende Schleusen als wichtige Industriedenkmale ein natürliches Gleichgewicht dieser Individuen, weil Fische nicht Bach-aufwärts schwimmen können. Allein Stichlinge sind lokal in derartigen Kollonien vorhanden. Vor allem der Teich im Klosterpark ist für Kröten ein überlebenswichtiges Laichgewässer, wo sich diese Spezies im beginnenden Frühjahr zur Laichablage an ganz bestimmten Pflanzen versammelt. Diese Krötenwanderung findet hauptsächlich nur noch vom Lousberg her statt, während die Zuwanderung aus den Soerser Feuchtwiesen wegen Drainierung und wegen Abschneidens der Wanderwege durch die Bebauung Purweide und Klosterwiese Strüver Weg unterbunden ist. Die Fällung von 80 Pappeln (wegen Unterspülung durch den Wildbach) hat vor allem die geschützten Saatkrähen ihrer Behausung beraubt. An der Hausener Gasse bei Gut Eich werden ca. 10 bis 15 Pferde in Stallungen, aber vor allem im Freiland gehalten; weil der Boden morastisch ist, halten sich die Tiere gerne in der Nähe der dort gewachsenen alten Bäume auf, die sie dabei durch Tritte und Verbiß in deren Rinden beschädigen. Im Klosterpark verwildert der wertvolle Baumbestand, wobei in natürlicher Weise Nadelhölzer durch Laubhölzer verdrängt werden. Der Schwestern-Friedhof hinter St. Raphael wird zwar wegen des Wegzuges des Ordens nicht mehr genutzt, muß aber weiterhin den hygienischen Ansprüchen im vorhandenen Ökosystem genügen. Ob die Integration des Ginsterberg als "verborgene Mitte" in den "Weißen Weg" ökologisch sinnvoll ist, bleibt trotz der genehmigten Planung (gegen das Votum des Landschaftsbeirates) bei allen Umweltverbänden umstritten oder wird abgelehnt. Die Verlegung des Kutschenmarathons aus dem Aachener Wald in die Soers bedeutet ökologisch "den Teufel mit Belzebub austreiben", weil die Entwässerung des betroffenen Gebietes gewaltig ist - so gewaltig, daß zu Reitturnierzeiten der Weltmeisterschaft 2006 die Weiden der Kutschenwege intensiv bewässert werden mußten - ein Paradoxon in der ursprünglich feuchten Soers, aber ein Resultat der Drainagen. Deshalb sind Bodennebel so typisch für die Soers auch seltener geworden. Auch die über 80 Jahre am Tivoli existierenden Kleingärten waren Bestandteil des Soerser Ökosystems, müssen aber nun dem Neubau des Fußballstadions weichen, was darüber hinaus das Fällen einer großen Anzahl Bäume bedeutet. Das Beparken von Weideland mit Autos und der Ausbau des Landschaftsschutzgebietes am Eulersweg zu befestigten Parkplätzen trägt ebenfalls zur Reduzierung der Artenvielfalt bei wie auch die immer intensiver werdende Nutzung der Soers für Sportzwecke.

 

Klimagutachten der Stadt Aachen 2001

Stadtplanerisch ist der Erhalt von zahlreichen Luftaustauschkorridoren rund um Aachen für die Abfuhr von Schadstoffen und für Frischluftzufuhr wichtig, damit sich der Öcher in seiner Stadt wohlfühlt. Einer dieser Luftkorridore tangiert die Soers und dringt von dort um den Lousberg herum besonders weit ins Stadtinnere vor. Die Soers zeigt sich im Thermalbild aus GIS-Position als grosse Schüssel mit einem engen Wurmtalausgang dieser Hohlform.

 

 Oberflächenstrahlungstemperaturen mit eingezeichneten Luftbewegungskorridoren um Aachen, die Soers unten von Norden aus (Reproduktion aus dem öffentlichen Klimagutachten der Stadt Aachen 2001 mit Korridoren nach Wingenfeld)

 

Die Soers stellt eine große Hohlschüssel mit nur einer "Ausgußschnute" des engen Wurmtalausgangs dar. Bei austauscharmer Witterung  strömt in diese Schüssel aus der Umgebung Kaltluft ein und türmt sich in der Soers u.U. bis zu großer Mächtigkeit. Kaltluftabflußbahnen stellen das Wildbachtal nach Nordwesten und das Wurmtal nach Südwesten (jeweils bachaufwärts) dar. Bei windschwacher Hochdruckwetterlage kommt es am Tag im Stadtzentrum Aachen durch Temperaturunterschiede zwischen warmer Stadt und kühlerem Umland zur Ausbildung einer typisch stadteigenen Luftzirkulation. Diese als Flurwinde bezeichneten Luftausgleichströmungen sind auf das Stadtzentrum gerichtet und vor allem spätnachmittags zu registrieren. Die aufwärts strömende Luft unterliegt dabei der Konvektion, die in Bodennähe frische Luftmassen z.B. aus der Soers durch die Bachtäler von Wildbach und Wurm nach sich ins Zentrum saugt. Weil Aachen durch Hügel gegliedert ist, kommt zu den Flurwinden die Luftströmung der Hangauf- und Hangabwinde insbesondere am Lousberg hinzu, weil reliefbedingte horizontale Temperaturunterschiede bestehen.

 

 Luftaustauschverhältnisse in Aachen


Nachts bildet sich in der Soers durch  Abkühlung eine bodennahe Kaltluftschicht (langwellige Strahlung). Die Temperaturunterschiede zwischen der Kaltluft an den Lousberghängen zur Soers und der Luftschicht gleicher Höhe über dem Soerstal (wärmere Luft) setzt Winde in Bewegung vom Lousberg hinunter in die Soers, wobei Hangabwinde dieser Art Frischluft aus der Atmosphäre und Stadtluft nach sich ziehen. Tagsüber bewirkt die Sonneneinstrahlung eine Umkehrung dieser Verhältnisse mit dem Resultat von Hangaufwinden aus dem Soerstal heraus. Um also im Stadtzentrum "reinigend" zu wirken, sollte die Luftqualität der Soers wenig mit Schadstoffen (z.B. verkehrsbedingt) belastet sein. Außerdem sollten Hindernisse wie z.B. Gebäude die Luftaustauschprozesse so wenig wie möglich stören.